Am 2. September, Morgens, während des Chinesischunterrichts, ruft Kate an um mir mitzuteilen dass wir genau jetzt die Prüfung für den chinesischen Motorradfüherschein haben. Mit eben diesen Worten verabschiede ich mich frühzeitig vom Unterricht und begebe mich, zusammen mit Basti, zum Büro für ausländische Studenten. Von dort aus werden wir von einer Fahrlehrerin zum Prüfungsort gefahren. Dort angekommen werden Fotos von uns gemacht, die später auf die Prüfungsbögen aufgedruckt werden. Desweiteren wird anhand des Reisepasses überprüft ob wir eine gültige Aufenthaltsgenehmigung haben und ob in unsere Akte, die bei der Polizei zeitglich mit der Verlängerung des Visums angelegt worden ist, Straftaten vermerkt sind oder nicht. Unglücklicherweise wurde beim Erstellung unserer Prüfungsbögen die Zahl eins mit dem Buchstaben I verwechselt so dass unsere Polizeiakte nicht aufgerufen werden konnte und somit die Pürfung bis zur Korrektur unseres Prüfungsbogen um zehn Tage verschoben wird.
Auf dem Rückweg zu unserer Universität stellt sich dann heraus, dass es für die theoretische Prüfung des Motorradfüherscheins keine englische Übersetzung geben wird. Panik ergreift besitz von uns beiden und ich frage immer wieder, warum uns das erst jetzt mitgeteilt wird, wobei es sonst immer geheißen hat, es gäbe eine englische Prüfung. Eine wirkliche Antwort erhalte ich nicht, die Fahrprüferin erwiedert meine Fragen immer nur mit Gelächter und sagt, ich solle mir keine Sorgen machen.
An der Universität angekommen geh ich natürlich als erstes ins Büro von Kate um sie zu fragen, was die Fahrlehrerin damit meint, ich soll mir keine Sorgen machen, ich kann mir nichtmal das Essen bestellen was ich essen möchte aber ich soll mir keine Sorgen machen wenn es um eine Fahrtheorieprüfung auf Chinesisch geht? Kate versichet mir, dass wir uns insofern keine Sorgen machen müssten, als dass jemand anderes für uns die Prüfung schreiben wird aber unter unseren Namen. Immernoch ungläubig bleibt uns nichts anderes übrig als Kate Gehör zu schenken und die zehn Tage abzuwarten.
Am 13. September ist dann tatsächlich der Tag der Prüfung. Aus dem Versprechen, jemand anderes würde unsere Prüfung für uns schreiben wird das Versprechen, dass wir jemanden zur Seite gestellt bekommen werden, der für uns die Fragen übersetzen wird. Letztendlich folgt dem Versprechen eine große Enttäuschung als wir vor Ort einfach von unserer Fahrlehrerin abgesetzt und alleingelassen werden. Ein Mann kommt uns entgegen und führt uns in einen Raum mit einem Computer.
Er sagt, wir müssen die ersten sechzig fragen immer bei der eins das Kreuz machen, ab der Frage 61 immer bei der zwei. Dann gibt er uns einen Zettel auf dem Bilder und ein paar Schriftzeichen abgebildet sind. Falls in der Frage die abgebildeten Schriftzeichen oder Bilder zu sehen seien dann immer mit Nein antworten…so die Theorie. Wir ahnen Schlimmes und rufen Kate an, ob sie uns nicht irgendwie helfen könnte, keiner spricht Englisch oder Putonghua, den chinesischen Dialekt, den wir an der Universität gelehrt bekommen. Circa eine Stunde später kommt Kate, zuverlässig wie immer, wenn es darum geht, ihren ausländischen Schützlingen zu helfen, egal welche Uhrzeit, egal welcher Wochentag, und dass, obwohl in China keine Überstunden bezahlt werden. Auf die Frage, warum sie so unglaublich hilfsbereit ist antwortet sie, dass sie sich furchtbar fühlen würde wenn sie in einem fremden Land wäre dessen Sprache sie nicht sprechen könnte. Damit gehört sie zur Ausnahme. Für gewöhnlich, haucht man ein Nihao (Hallo) oder ein leises Xiexie (Danke), geht der durchschnittliche Chinese direkt davon aus, dass man fließend Chinesisch sprechen kann und beginnt sofort in seinem Lokaldialekt mit schnellem Tempo Fragen über Fragen zu stellen, fragt man, ob er nocheinmal langsam das Gesagte wiederholen könnte, verliert er meistens sein Interesse, lacht oder schnaubt kurz, und schon ist man wieder alleine in einem großen Land voller verborgender Geheimnisse die, egal wie gewissenhaft man die chinesische Sprache erlernt, niemals alle verstehen wird.
Zurück zum urspünglichen Dilemma? Nach ungefähr dreistündigem Warten werden wir, mit Spickzetteln bewaffnet, in den Prüfungsraum geführt. Die Prüfung ist vierzigminütig in der hundert Fragen beantwortet werden müssen. Ausländer müssen 70% richtig beantwortet haben um zu bestehen, Chinesen 90%. Circa fünf Minuten nach Beginn der Prüfung stell ich fest, dass der Spickzettel komplett uneffektiv ist und suche mit verzweifelten Blicken Kate, die bei meinem unweigerlichem Tränenausbruch sofort zu meiner Seite geeilt kommt um sich selbst davon zu überzeugen dass die Spickzettel leider in keiner weise Hilfreich sind.
Obwohl Kate selber keine Besitzerin eines Füherscheins ist hilft sie mir. Für den Polizisten, der sich mittlerweile ebenfalls zu mir gesellt hat, übersetzt Kate offiziell einfach die Fragen, in Realität sagt sie mir wo ich das Kreuz zu setzen habe, einer der wenigen Augenblicke in denen es praktisch ist, dass Chinesen für gewöhnlich kein Englisch beherrschen. Nach einem vierzigminütigen Nervenzusammenbruch erhalte ich dann endlich meine 74% und habe damit bestanden, Basti hat mit 78% ebenfalls bestanden. Der Verzweiflung folgt Freude über das positive Ergebnis der sogleich Enttäuschung folgt als uns mitgeteilt wird dass wir auch noch eine praktische Fahrprüfung zu bestehen haben, die aber erst frühestens zwanzig Tage nach Bestehen der theoretischen Prüfung abgelegt werden darf.,.zu dem Zeitpunkt war leider schon alle Tränenflüssigkeit aufgebraucht worden…eine weitere Formalität ist, mal wieder, eine chinesische Übersetzung des Reisepasses mit roten runden Stempel vorzulegen…
Mein Tipp des Monats, wenn ihr nach China kommt und ihr wollt in irgendeinerweise mit Motorrädern und allem was dazugehört involviert werden…lasst euch euren Reisepass einmal auf Chinesisch übersetzen und dann kopiert diese Übersetzung direkt mehrfach und lasst euch vorsorglich auch jede Kopie von einem chinesischen Übersetzungsbüro rot abstempeln.
Falls ihr dann der Besitzer einer Kopie mit rotem, rundem Stempel seid…freut euch, ihr könnt die Fahrprüfung machen!
Wenn ihr am Übungsplatz ankommt, und ihr seht ein rostiges Motorrad mit Seitenwagen und ihr seht, wie ein Mann mit einem Kanister auf das scheinbar liegengebliebene Motorrad zuläuft und ihr werdet Zeuge, wie eben dieser Mann den mit Wasser gefüllten Kanister auf dem Motor entleert, dann wisst ihr, das ist euer Prüfungsmotorrad.
Der erste Teil der Prüfung besteht aus…Slalom in Schrittgeschwindigkeit. Im wesentlichen besteht dieser Teil daraus dass man einfach immer mit dem Vorderrad über die auf den Boden gemalten roten Punkte fährt, Schrittgeschwindigkeit ergibt sich von alleine, denn der Gasgriff ist kaputt…beim Anfahren einfach die
Kupplung langsam kommen lassen, von hinten wird geschoben und schon hat man Schrittgeschwindigkeit. Für Jene, die sich das Lachen beim Fahren nicht verkneifen konnten und somit doch eine der Stangen umgeschmissen haben sollten…ihr habt auch noch einen zweiten Versuch. Wenn alle Teilnehmer, (es wurden ca. 100 Chinesen am selben Tag geprüft) den ersten Teil der Prüfung absolviert haben beginnt der zweite Teil…anderes Motorrad. Das Motorrad für den zweiten Teil verfügt über eine Beschleunigung, dafür ist allerdings die Vorderradbremse kaputt, gebremst werden kann also nur mit Hinterradbremse.
Der zweite Teil besteht aus: An einer Steigung anhalten (hab ich schon erwähnt dass die Bremse defekt ist…chinesischer Humor?) und anfahren, innerhalb der vorgegebenen Linien eine Schlangenlinie fahren, über zwei Metallschienen fahren wobei zuerst das Motorrad, dann der Beiwagen die zueinander versetzten Metallschienen berühren müssen. Als nächstes folgt einmal um die Ecke fahren, Fahrspur wechseln (Blinken nicht vergessen) und dann nochmal bremsen. Zwei Minuten später haben wir beide bestanden. Den Führerschein dürfen wir uns drei Tage später endlich abholen.
…ich hoffe, ich sage jetzt zum letzen Mal, dass ich nie wieder einen Füherschein machen muss! In China kostet es zwar wesentlich weniger Geld, aber es stellt die Gedult doch erheblich auf die Probe!
Liebe Grüße aus der Ferne, wir gehen jetzt hoffentlich gleich unseren Führerschein abholen!